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  Lesung: Do. 23.01.2020 - 20:00 UHR
  Franz Kabelka und Hans Poiger • Das Böse war meine Kundschaft. Ein Chefinspektor wird einvernommen
kultur:treff im Haus der Musik EINTRITT: Frei
Franz Kabelka und Hans Poiger • Das Böse war meine Kundschaft. Ein Chefinspektor wird einvernommen Bild 1 Teilen:  
LESUNG + DIALOG: Franz Kabelka & Hans Poiger „Das Böse war meine Kundschaft. Ein Chefinspektor wird einvernommen“ (Bucher Verlag, 2019)

HOMEPAGE Franz Kabelka
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Wenn ein renommierter Krimiautor einen langjährigen Chefinspektor zur „Einvernahme“ bestellt, werden Leser/Leserin Zeugen, in welchem Spannungsfeld sich Kriminalist und Autor bewegen.

Im Fokus stehen einige der aufsehenerregendsten Fälle von Gewaltverbrechen aus der Vorarlberger Kriminalgeschichte der letzten 50 Jahre.

Mit einem Vorwort von Dr. Reinhard Haller
 
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Franz Kabelka und Hans Poiger • Das Böse war meine Kundschaft. Ein Chefinspektor wird einvernommen Bild 2

Zum Autor:


Franz Kabelka wuchs in Oberösterreich in Perg und Arbing auf und belegte nach der Matura am Bundesgymnasium Steyr ein Studium der Germanistik und Anglistik in Salzburg und Dublin. 1981 übersiedelte er nach Vorarlberg und arbeitete als Lehrer an berufsbildenden (1981 bis 1994) und allgemeinbildenden höheren Schulen (seit 1995) sowie als Schriftsteller in Feldkirch. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Kabelka veröffentlicht seit 1975 literarische Werke in Literaturzeitschriften, Anthologien und im ORF. Mehrfach wurden ihm Literaturstipendien der Länder Vorarlberg und Oberösterreich zugesprochen. Mit dem Lyrikband "Schneller als Instant Coffee" publizierte er 1996 sein erstes Buch im Grasl Verlag. 2003 war er 1. Preisträger beim Prosapreis Brixen-Hall für das Manuskript zum Roman „Heimkehr“. Im Innsbrucker Haymon Verlag wurden nach „Heimkehr“ noch zwei weitere Kriminalromane um die Figur des Vorarlberger Chefinspektors Tone Hagen, „Letzte Herberge“ und „Dünne Haut“, aufgelegt. Im September 2011 erschien ein weiterer Kriminalroman mit dem Titel „Jemand anders“, der ganz ohne professionellen Ermittler auskommt und einerseits in einem modernen Fitnesscenter, andererseits in einem Franziskanerinternat irgendwo im Osten Österreichs spielt. Längere Erzählungen und "böhmische Miniaturen" finden sich in dem Band Die Muschel. Geschichten von Reisen und Zeitreisen(2013). Kabelkas neuester Roman "Gesundes Gift" ist 2014 als Hardcover bei Styria Premium erschienen. Zentrales Thema sind die Bruchlinien zwischen östlicher (ayurvedischer) und westlicher (allopathischer) Medizin. Der Vertrieb von schwermetallbelasteten Nahrungsergänzungsmitteln im Internet ist Ausgangspunkt dieses Wirtschaftskrimis. Seine Schauplätze: Wien, das niederösterreichische Waldviertel, die Stadt Boston (USA) und Südindien (Kerala und Tamil Nadu). Zwischen 1975 und 1980 war Kabelka Mitglied der Salzburger Literaturgruppe projekt-IL und Redaktionsmitglied der gleichnamigen Literaturzeitschrift. Heute ist er Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) sowie von Literatur Vorarlberg und krimiautorInnen.at.

Werke


Literatur
• Schneller als Instant Coffee, Gedichte, Grasl Verlag, Baden bei Wien, 1996
• Heimkehr, Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck 2004, ISBN 978-3-85218-445-6
• Auszeit. Reflexe und Reflexionen, Hämmerle Verlag, Hohenems 2005
• Letzte Herberge, Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck 2006, ISBN 978-3-85218-513-2
• Dünne Haut, Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck 2008, ISBN 978-3-85218-574-3
• Jemand anders, Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck 2011, ISBN 978-3-85218-694-8
• Die Muschel, Geschichten von Reisen und Zeitreisen, Wien, 2013, ISBN 978-3-902693-47-1
• Gesundes Gift, Roman, Styria Premium, Wien 2014, ISBN 978-3-222-13466-1
• Kaltviertel, Kriminalroman, Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra, 2017, ISBN 978-3-99028-675-3

Ö1-Radiokolleg

Nach Recherchen in Kuba verfasste Kabelka das Manuskript für vier Folgen eines Radiokollegs, das vom 8. bis 11. Juli 2013 unter dem Titel Son, Reggaeton, Revolution – Musik in Kuba zwischen Aktualität und Nostalgie auf Ö1 gesendet wurde.


Zum Kriminalisten:


Krimiautor Franz Kabelka im Gespräch mit Chefinspektor Hans Poiger - „Das Böse war meine Kundschaft“
Sechs Krimis hat Franz Kabelka zwischen 2004 und 2014 geschrieben, und dass es dabei auch im kriminalistischen Detail korrekt zugeht, liegt an Chefinspektor a. D. Hans Poiger. Ob „Tatort“ oder „Hubert und Staller“, ob „SOKO irgendwo“ oder „Hawaii Five-O“ – Hans Poiger schaut nicht hin. Krimis findet er ziemlich uninteressant, aufgeblasen mit dramaturgischen Effekten, bestenfalls skurril, leider zu oft überfrachtet mit Satire und jedenfalls weit entfernt von der Wirklichkeit eines Ermittlers. Gnade vor Poigers Augen findet allenfalls Inspektor Columbo: „In diesen Filmen werden die Wahrnehmungen, Überlegungen und Schlussfolgerungen des Kommissars vermittelt, ganz ohne Schießereien und überzogene Verfolgungs- und Kampfszenarien.“ Er selber habe seine Dienstwaffe ausschließlich für Warnschüsse genutzt, betont Poiger, und zwar während seiner gesamten Berufstätigkeit. Welcome to reality. Das Böse hatte für ihn nicht Unterhaltungswert, es war seine „Kundschaft“.
Aber was ist das Böse? Es ließe sich nicht definieren, antwortet Poiger dem fragenden Kabelka. „Du, als ehemaliger Ethiklehrer, wirst dich wohl schon vertiefend mit dieser Frage beschäftigt haben…“ Vor philosophischen Sicherheiten scheut Hans Poiger ebenso zurück wie vor Krimis. Das Metier des Ermittlers ist die offene Frage, die größtmögliche Unvoreingenommenheit, und wie er sich die bewahrt hat über 30 Berufsjahre, davon erzählt Poiger in einem ebenso spannenden wie unaufgeregten (paradox, aber so ist es!) Dialog.

Fundort oder Tatort?

Denn der Krimiautor Franz Kabelka will alles ganz genau wissen, Dienstgrade, Ausrüstungsgegenstände der Spurensicherung, Analyse der Verdachtsmomente. Spricht man während der noch laufenden Ermittlungen vom „Fundort“ oder vom „Tatort“? Wie lautet die korrekte Berufsbezeichnung der Spezialisten am gerichtsmedizinischen Institut? Wer macht sich auf den Weg, wenn eine vermisste Person geortet werden konnte? Wer die Kabelka-Krimis kennt, kann schon sein Vergnügen finden an den E-Mails, die da zwischen dem Kriminalisten und dem Romancier hin und her wandern. „Also bis Seite 203 hätte ich noch keinen konkreten Tatverdacht erheben können“, schreibt anerkennend Hans Poiger. Oder er merkt kritisch an: „Ich habe mir während des Lesens erwartet, dass Wabitsch, eine/n Beziehungstäter/in suchend, sich eingehend mit Hilde Kainz beschäftigt. Im Text ist überhaupt kein Hinweis auf eine eventuelle Täterschaft der Hilde Kainz herauszulesen. Ich habe sie aber als Geliebte des Opfers immer im Hinterkopf gehabt, weil eben enge Beziehungsperson und ein äußerst dürftiges Alibi.“
Moment, wer liest da so akribisch einen Krimi? Es ist ein Freund. Allerdings beginnt die Freundschaft zwischen Poiger und Kabelka einigermaßen spröde. 2003, er arbeitet gerade an seinem ersten Krimi, ruft Kabelka beim Landesgendarmeriekommando an. Er möchte „mit einem aktiven Ermittlungsbeamten der Abteilung Leib und Leben über diverse kriminaltechnische und strukturelle Fragen“ sprechen, damit sein Roman „Heimkehr“ auch ein Fundament habe. Hans Poiger wird ihm zugewiesen und verhält sich zunächst „reichlich reserviert“, aber „bald hat deine Persönlichkeit mein Interesse geweckt“. Die beiden treffen sich seither regelmäßig zu Gesprächen, haben sogar schon einen gemeinsamen Urlaub verbracht.

Ein Chefinspektor wird einvernommen

Zeitungsartikel aus den Jahren 1971–2008 ergänzen das lange Gespräch zwischen Kabelka und Poiger, und die faszinierte Leserin taucht ein in die Sozialgeschichte Vorarlbergs. Was hat sich verändert in diesen beinahe vierzig Jahren? Auffällig sei, dass in den Siebziger-, Achtziger- und auch Neunzigerjahren mehr Tötungsdelikte begangen wurden, antwortet Poiger, „und zwar solche, die nicht unter den Begriff Beziehungsdelikte fallen, also Raubmord, Tötungen mit sexuellem Hintergrund, Auftrags- oder Bestimmungsmord, sogenannter Zeugenmord etc.“
Denn besonders in den Siebziger- und Achtzigerjahren habe es einen steilen Anstieg der Prostitution und, damit einhergehend Drogen- und Zuhälterkriminalität gegeben. Den Grund sieht Poiger in der Grenzlage Vorarlbergs. „Diese Klientel bezahlte in DM und Schweizer Franken, und die waren gegenüber dem Schilling attraktiver, weil damals für einen Sexualkontakt im Auto von den österreichischen Kunden 500 Schilling verlangt wurden, während die Deutschen 100 DM und die Schweizer 100 Franken bezahlten.“

Als der Serienmörder Jack Unterweger 1990 auch in Lustenau tötete, waren die Auswertungsmöglichkeiten, die den Kriminalisten am Tatort zur Verfügung standen, allerdings wesentlich besser als zuvor. DNA-Analyse und Handy-Auswertung – das erleichtere die Arbeit der Ermittler beträchtlich, betont Poiger; ebenso das Profiling, das in Österreich erst seit Anfang der 1990er Jahre angewendet wird. Und wie ist Poiger davor, etwa im Fall der Wilhelmine S., vorgegangen? Die Frau wurde 1975, als sie nach einem Spaziergang auf einer Holzbank ausruhte, von hinten mit einer Kordel bewusstlos gewürgt, vergewaltigt und mit einem Ast erschlagen. „Lebenserfahrung und Menschenkenntnis – das psychologische Element, wenn du so willst – waren stärker gefordert“, sagt Poiger lakonisch. Den Fall konnte er aufklären.

Immer wieder wird behauptet, Prostitution sei ein „soziales Therapeutikum“, das potenzielle Sexualstraftäter vom großen Bösen abhalte. Könne er dem zustimmen, fragt Kabelka. Nein, absolut nicht: „Gerade Prostituierte werden von solchen Männern auch misshandelt oder gar ermordet. Diese Freier würde ich gerne professionellen Therapeuten überlassen. Von den geschundenen und verzweifelten Frauen aus dieser Szene wird kaum gesprochen.“

Die „Leiche ohne Kopf“

Diese menschliche Haltung, die auch auf die Würde der Ausgegrenzten achtet, zeichnet Poiger in all seinen Antworten aus. Medialem Interesse hingegen, wie es ihm etwa angesichts des Falls Dimiter Pobornikoff 1992 entgegenschlug (an der S 16 im Gemeindegebiet von Innerbraz wurde eine „Leiche ohne Kopf“ gefunden), begegnet er unaufgeregt. Auch wenn die Details der Tat grausig sind.

„Wie hält ein Polizist es aus, ständig dem Tod ins Antlitz schauen zu müssen?“ fragt Franz Kabelka. Braucht einer da nicht psychologische Hilfe, um die verstörenden Erlebnisse zu verarbeiten. Nein, er habe solche Hilfe nie gebraucht, sagt Poiger trocken: „Das Opfer ist tot und der Tod gehört zu unserem Dasein, Punktum. Bei einer Tatortbesichtigung sind alle voll und ganz auf die Täterermittlung fokussiert.“

Gerade deshalb sei ihm der Mordfall Krampe in so deutlicher Erinnerung. Im Verlauf des Prozesses hatte die Verteidigung damals Vorwürfe gegen den Chefermittler erhoben. Der Anwalt des Angeklagten hatte sich sogar beim Innenministerium und Landesgendarmeriekommando um die Entlassung Poigers bemüht. „Ein starkes Ding!“ ruft Kabelka: „Da wurde seitens des Verteidigers versucht, aus dem ermittelnden Polizisten einen Täter zu machen!“ Gelungen ist das nicht. Der freigesprochene Täter nämlich prahlte angetrunken damit, Polizei und Gericht über den Tisch gezogen zu haben. Das Verfahren wurde wieder aufgenommen, der Mann verurteilt.

Wäre das ein Krimiplot? Warum schreibst du überhaupt Krimis? Für einmal ist es Hans Poiger, der in diesem Gespräch die Fragen stellt. Weil das Krimischreiben Disziplin und Konsequenz fordere, sagt Kabelka. „Fäden, die gesponnen, Spuren, die – oft auch irreführend – gelegt werden, wollen im Auge behalten und aufgelöst werden. Die Einlösung des unausgesprochenen Versprechens gegenüber dem Leser, der Leserin! Mich hat diese strenge strukturelle Vorgabe immer fasziniert. Es ist, als würdest du dich dazu zwingen, selbst gestrickten Gesetzen Genüge zu tun, die sich, wie in meinem Fall, gleichzeitig an realen gesellschaftlichen Verhältnissen orientieren.“
Alles Qualitäten, die man diesem wachen Gespräch unter Freunden auch attestieren kann.

„Das Böse war meine Kundschaft“ von Franz Kabelka und Hans Poiger ist im Verlag Bucher erschienen.
Ingrid Bertel ist Kulturredakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg
 
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